China ist, trotz verlorener Marktanteile, der wichtigste Markt für VW. In der Volksrepublik macht der deutsche Autobauer vieles anders als in der Heimat – notgedrungen. Die Lücke zur Konkurrenz wird dort wieder kleiner.
Auf der Automesse in Peking im Mai dieses Jahres stellte VW weitere Modelle für den chinesischen Markt vor. Mit einer großen Modell-Offensive will Volkswagen verloren gegangene Marktanteile zurückgewinnen.
Allein dieses Jahr bringt der Konzern über 20 neue oder überarbeitete, intelligente E-Autos auf den Markt. Entwickelt in China, für China. Das sei seit drei Jahren die Devise, so VW-Chef Oliver Blume. Auch bei den Kosten will VW zu den Wettbewerbern in China aufholen.
“Wir waren in der Lage, unsere Kosten um 40 bis 50 Prozent zu reduzieren. Ein Ergebnis war im Ende dann auch, ein Einstiegsmodell von der Marke Jetta anzubieten für rund 10.000 Euro, das viele Technologien anbietet, die die chinesischen Kundinnen und Kunden erwarten”, sagt der Konzernchef.
Früh da, aber zu lange auf Verbrenner gesetzt
VW will an seine einstige Erfolgsgeschichte in China anknüpfen. In den 1980er-Jahren baut der Konzern als einer der ersten ausländischen Hersteller Fabriken mit chinesischen Partnern und liefert Technologie. VW wird schnell zum Marktführer, bleibt es Jahrzehnte lang und macht Milliardengewinne.
Doch das Management verlässt sich zu lange auf Verbrenner. Seit mehr als 15 Jahren fördert Chinas kommunistische Staats- und Parteiführung die Elektromobilität massiv und steckt viel Geld in Forschung, Entwicklung und Ladeinfrastruktur. Hunderte E-Auto-Start-ups entstehen im ganzen Land.
Chinas Autoindustrie ist inzwischen führend in der Branche und baut modernste E-Autos mit vielen Extras: autonomes Fahren, Massagesitze, Sprachsteuerung und Unterhaltungsapps gehören heute bei Neuwagen dazu. Dank staatlicher Kaufprämien und weil die Zulassung von Verbrennern in Städten wie Peking beschränkt ist, schnellen die Verkaufszahlen für E-Autos in die Höhe.
Die Preise sinken, es herrscht ein knallharter Verdrängungskampf. Immer mehr Hersteller verschwinden vom Markt. VW verliert in Folge Marktanteile, wird 2024 vom Konkurrenten BYD als größter Autohersteller in China überholt. Die in Deutschland entwickelten E-Autos gelten vielen Chinesen als zu piefig und zu teuer.
Höheres Tempo in chinesischen Werken
Im neuen VW-Werk in der Provinz Anhui verrichten Roboter die Arbeit. Menschen werden hier fast nur noch in der Qualitätskontrolle gebraucht. Das spart Geld. Rund drei Milliarden Euro hat VW in das Werk investiert. Im Entwicklungszentrum entsteht die neue Generation von E-Autos. VW kooperiert auch mit chinesischen Start-ups.
Haben früher chinesische Hersteller bei den deutschen abgeschaut, ist es heute andersherum. Etwa 100 chinesische Programmierer und Experten arbeiten im VW-Werk in Anhui. Der neue Kurs ist: kostengünstiger und schneller zu produzieren. Die Löhne sind in China niedriger, die Softwareentwicklung im eigenen Haus soll Zeit sparen.
Zum Beispiel, wenn bei der Türsteuerung etwas nicht funktioniert, erklärt Vadym Finn Cemmasson. Im Werk ist er zuständig für das Zusammenspiel aller Software-Komponenten: “Wenn das in Deutschland ein Türsteuergerät wäre, das man vom Zulieferer zukauft, würde es viel länger dauern.” In Anhui könne der Fehler direkt abgestellt werden – “inhouse”.
Entwicklung in China für China und darüber hinaus
Der Entwicklungszyklus für ein neues Auto soll de facto halbiert werden, auf 18 Monate. In China punktet, wer schnell etwas neues auf den Markt wirft. Kommt nun die Wende bei VW? Li Yanwei, Analyst vom chinesischen Autohändlerverband, hält es für möglich: “Kunden sehen, dass ihre bisherige Marke nicht die richtigen Produkte hatte und haben sich chinesischen Modellen zugewandt.” Mit neuen, ähnlicheren Produkten in der gleichen Preisklasse kämen “die Käufer sicherlich zurück”.
Doch Chinas Wirtschaft lahmt und die Nachfrage auf dem wichtigsten Automarkt der Welt nimmt wieder ab. Im ersten Halbjahr dieses Jahres sind die Verkaufszahlen um rund 20 Prozent eingebrochen im Vergleich zum Vorjahr. Deswegen will Volkswagen künftig, wie chinesische Hersteller, stärker auf den Export setzen – und in China hergestellte Autos auch außerhalb der Volksrepublik verkaufen.
