Hintergrund
Nach etwa zwei Jahren ist Schluss für Premier Starmer in der Downing Street. Großbritannien steht damit vor dem siebten Wechsel an der Regierungsspitze innerhalb von zehn Jahren. Warum ist er zurückgetreten? Und wie geht es jetzt weiter?
Schwierige Startbedingungen
Als Keir Starmer vor zwei Jahren sein Amt als neuer Premierminister antrat, waren die Erwartungen an ihn extrem hoch. Nach Jahren des Chaos unter den Konservativen wollte der 63-Jährige wieder mehr Seriosität in den Politikbetrieb bringen – und zahlreiche Reformen angehen.
Viele Wähler hofften auf schnelle Verbesserungen bei den Lebenshaltungskosten, im Gesundheitswesen und in der Wirtschaft. Doch die neue Regierung kämpfte mit angespannten Staatsfinanzen. Zusätzlich schadeten unpopuläre Sparmaßnahmen, Diskussionen über Spenden und fragwürdige Geschenke Starmers Popularität.
Dabei habe der Premier in Teilen durchaus erfolgreiche Politik betrieben, so ARD-Korrespondent Christoph Prössl: “Die britische Wirtschaft hat im ersten Quartal dieses Jahres das größte Wachstum aller G7-Staaten verzeichnet. Die Migration konnte eingedämmt werden – 2025 lag die Nettomigration bei 171.000 Personen. Das ist die Hälfte von dem, was man im Jahr davor gesehen hatte.” Doch in den Umfragewerten konnten diese Erfolge nicht fruchten.
Der politische Schlingerkurs
Starmer wollte Sozialreformen anstoßen, das Land wieder näher an Europa führen und das marode Gesundheitssystem sanieren. Doch etliche Reformprojekte musste Starmer wieder zurücknehmen – unter anderem die Kürzung staatlicher Zuschüsse zu den Heizkosten für ältere Menschen. Jedes Mal war es der Widerstand in den eigenen Reihen, der ihm ein Bein stellte.
Sein zögerliches Vorgehen um den Verteidigungsetat kostete ihn mit John Healey zuletzt sogar seinen Verteidigungsminister. Seine große letzte Ankündigung – das Social-Media-Aus für unter 16-Jährige – konnte das Ruder auch nicht mehr herumreißen.
Der verlorene Superwahltag
Dass die Stimmung zu Ungunsten Starmers kippte, zeichnete sich schon länger ab. Doch spätestens die schwere Niederlage der Sozialdemokraten von Labour bei den Kommunal- und Regionalwahlen in England, Schottland und Wales im Mai galt als Wendepunkt.
Als großer Sieger gingen die Rechtspopulisten um Brexit-Vorkämpfer Nigel Farage und seine Partei Reform UK hervor, die in allen Landesteilen ordentlich zulegten. Damals versicherte Starmer noch, er werde seine Zweifler überzeugen. Doch in den Wochen danach kehrten ihm mehrere Minister den Rücken und der Rückhalt innerhalb der Partei schrumpfte.
“Reform UK wird die große Herausforderung für Labour bei den nächsten Parlamentswahlen”, so ARD-Korrespondent Prössl. “Und da möchte Labour vorbereitet sein. Deswegen diese Unruhe in der Partei. Deswegen der wachsende Druck in den vergangenen Wochen.”
Der Umgang mit den Rechtspopulisten
Von Anfang an hatte Starmer Probleme mit dem Aufstieg von Reform UK. Das Thema Brexit fasste er gar nicht erst an, obwohl die Mehrheit der Briten den EU-Austritt inzwischen skeptisch sieht. Stattdessen versuchte Starmer verzweifelt, die traditionellen Labour-Anhänger aus der Arbeiterschaft mit harten Botschaften zum Thema Einwanderung zurückzugewinnen. Dass er damit moderate Wähler verprellte, merkte er viel zu spät. Etwa als er in einer Rede davor warnte, Großbritannien könne eine “Insel der Fremden” werden – und damit einen Aufschrei auslöste.
Der Fall Peter Mandelson
Zu einem der größten Fallstricke für Starmer wurde seine Entscheidung, den Parteiveteranen und früheren Wirtschaftsminister Peter Mandelson zum Botschafter in den USA zu machen. Anfangs galt der skandalumwitterte Politiker noch als kluge Wahl, um mit dem wankelmütigen US-Präsidenten Donald Trump umzugehen.
Doch bald wurde Mandelson, der einst eng mit dem verstorbenen Sexualstraftäter Jeffrey Epstein befreundet war, zur schweren Hypothek. Die Mandelson-Affäre endete auch nicht mit dessen Rauswurf, sondern haftete Starmer bis zuletzt an.
Der Außenpolitiker ohne Autorität
Immer wieder versuchte Starmer, sich als Vorreiter in europäischen Sicherheitsfragen zu positionieren. Gemeinsam mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron rief er die Unterstützer der Ukraine im Krieg gegen Russland in der sogenannten Koalition der Willigen zusammen. Ein ähnlicher Verbund wurde für die Sicherung der Straße von Hormus nach einem Ende des Iran-Kriegs etabliert, jeweils auch mit deutscher Beteiligung.
Trotz Schmeicheleien und der historischen Einladung zu einem zweiten Staatsbesuch konnte Starmer das anfänglich gute Verhältnis zu US-Präsident Donald Trump aber nicht bewahren. Als Großbritannien zögerlich war mit der Erlaubnis, Stützpunkte auf eigenem Gebiet für den amerikanisch-israelischen Krieg im Iran zur Verfügung zu stellen, kippte die Stimmung.
Der große Rivale
Seit Monaten sind die Beliebtheitswerte Labour und von Starmer im Keller. Eine Person bildete dabei jedoch die Ausnahme: Manchesters Bürgermeister Andy Burnham. Der sogenannte “König des Nordens” gilt als derzeit beliebtester Labour-Politiker im Land.
Als Bürgermeister von Manchester hat sich der 56-Jährige den Ruf eines Machers erworben – einer, der die normalen Menschen versteht, weil er selbst einer ist. Im Gegensatz zu Starmer gilt Burnham als charismatisch. Vor knapp zehn Jahren kehrte Burnham nach einem gescheiterten Versuch, an die Parteispitze zu gelangen, London den Rücken und schickte sich an, den wirtschaftlich abgehängten Norden des Landes zu stärken.
In Manchester hatte er durchaus Erfolg. Durch den Sieg bei der Nachwahl im Bezirk Makerfield gelang nun die Rückkehr in die Hauptstadt – und mit Starmers Rücktritt die Chance, ihn zu beerben.
Will Burnham Starmer beerben?
Ja. Denn Andy Burnham ist seinem Ziel, britischer Premierminister zu werden, so nah wie noch nie. Wenige Stunden nach Starmers Rücktrittsankündigung gab Burnham, bekannt, er werde sich um den Parteivorsitz und das damit verknüpfte Amt des Premierministers bewerben. Burnham gilt als Favorit für die Nachfolge Starmers. Er ist der bislang einzige Abgeordnete, der seine Kandidatur für den Parteivorsitz offiziell bestätigt hat.
Der ehemalige Gesundheitsminister Wes Streeting hatte in der Vergangenheit erklärt, bei einer Urwahl um die Führung der Partei antreten zu wollen. Nun teilte er mit, dass er Burnham unterstützen werde.
Steht Burnham für einen politischen Kurswechsel?
Nicht grundsätzlich. Zwar ist Burnham in seiner Politik etwas weiter links einzuordnen als Starmer, hat aber an vielen Punkten auch schon deutlich gemacht, dass er sehr viele Politikpunkte genauso umsetzen würde, glaubt ARD-Korrespondent Prössl. Zudem dürfte sich Burnham als neuer Premier auch an das Wahlprogramm von 2024 gebunden fühlen.
Wie funktioniert die Wahl für Starmers Nachfolge?
Jeder Kandidat für die Nachfolge Starmers muss die Unterstützung von 20 Prozent der Labour-Abgeordneten im Parlament gewinnen. Da die Partei derzeit 403 Sitze hält, entspricht dies 81 Abgeordneten. Zudem müssen die Bewerber bestimmte Unterstützungsquoren erzielen – an der Labour-Basis sowie durch der Partei nahestehende Organisationen wie Gewerkschaften.
Qualifiziert sich mehr als ein Kandidat, wird der Sieger durch eine Abstimmung aller Mitglieder der Labour-Partei und der nahestehenden Organisationen bestimmt. Der Gewinner wird dann Premierminister. Qualifiziert sich nur ein Kandidat, gibt es keine Abstimmung: Der Bewerber wird ohne Gegenkandidaten zum Labour-Chef gewählt und rückt damit auch an die Regierungsspitze.
Der Zeitplan wird offiziell vom Führungsgremium der Partei festgelegt. Starmer zufolge beginnt die Nominierungsphase am 9. Juli und endet vor der Sommerpause des Parlaments, die für den 16. Juli angesetzt ist. Eine mögliche Kampfabstimmung soll bis zur Rückkehr der Abgeordneten am 1. September abgeschlossen sein.
Mit Informationen von Reuters, dpa, AFP und Christoph Prössl, ARD-Studio London

