Die Zahl antisemitisch motivierter Vorfälle in Deutschland ist weiter hoch: 2025 verzeichneten die RIAS-Meldestellen insgesamt 8.725 Fälle. Immer mehr Anfeindungen und Bedrohungen werden in den sozialen Medien registriert.
Felix Klein zeigt sich alarmiert. “Antisemitismus ist in Deutschland scheinbar ungebremst auf dem Vormarsch”, stellt der Beauftragte der Bundesregierung gegen Antisemitismus fest. Im vergangenen Jahr dokumentierten Meldestellen insgesamt 8.725 Vorfälle, ähnlich viele wie schon 2024. Das geht aus dem Jahresbericht des Bundesverbandes der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (RIAS) hervor.
In 178 Fällen kam es zu körperlichen Angriffen und viermal zu extremer Gewalt, darunter ein terroristischer Messerangriff am Denkmal für die Ermordeten Juden in Berlin. Ein Tourist wurde dabei schwer verletzt.
Antisemitismus für viele Alltag geworden
Der RIAS-Bericht erfasst im Gegensatz zur polizeilichen Kriminalstatistik nicht nur strafbare Taten wie Angriffe oder Beleidigungen, sondern auch verletzende Äußerungen und Schmierereien an Hauswänden und anderen öffentlichen Orten. Sie machen den Großteil der erfassten Vorfälle aus.
“Antisemitismus ist für viele Jüdinnen und Juden bitterer Alltag”, stellt Felix Klein mit Blick auf die anhaltend hohen Zahlen fest. Und RIAS-Geschäftsführer Benjamin Steinitz ergänzt: “Bei mir ist der Eindruck entstanden, dass sich die nicht-jüdische Mehrheitsgesellschaft an das erschreckende Ausmaß des Antisemitismus gewöhnt hat.”
Ulrike Becker, Wissenschaftlerin der Amadeu-Antonio-Stiftung, teilt diese Analyse: “Antisemitische Vorfälle haben sich auf einem sehr hohen Niveau stabilisiert. Das zeigt, wie stark verankert in unserer Gesellschaft Antisemitismus ist.”
Seit dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und dem Beginn des Gaza-Kriegs ist die Zahl antisemitischer Vorfälle in Deutschland explosionsartig gestiegen: Von 2.610 im Jahr 2022 auf 4.886 im Jahr 2023.
Israel-feindliche Parolen auf Demos und im Netz
Ein größerer Teil dieser antisemitischen Vorfälle wurde auch im vergangenen Jahr bei Versammlungen registriert. Dort wurden Parolen gerufen, die ein Ende des Staats Israels fordern oder zu Gewalt aufrufen.
Antisemitismus-Forscherin Ulrike Becker zeigt sich darüber besonders beunruhigt, bei solchen Versammlungen sehe man ein hohes Mobilisierungspotenzial. Und dass Antisemitismus eine integrierende Funktion habe, über verschiedene Spektren hinweg.
“Manches, wie die Abkehr von jeglicher Erinnerungskultur, haben wir bisher hauptsächlich im rechtsextremen Spektrum gesehen. Wir sehen das jetzt aber auch im links-antiimperialistischen oder islamistischen Spektrum.” Das finde Becker sehr bedenklich.
Antisemitische Vorfälle vermehrt online
Israel- und Juden-feindliche Sprüche und Drohungen werden zunehmend online verbreitet: Die Zahl antisemitischer Vorfälle im Internet stieg laut RIAS-Bericht von 1.996 (2024) auf 2.314 im Jahr 2025.
Angesichts dessen fordert Grünen-Fraktionsvize Konstantin von Notz im Interview mit der Rheinischen Post ein schärferes Vorgehen gegen Antisemitismus im Internet: “Die großen Online-Plattformen müssen antisemitische Narrative, Beleidigungen und Anfeindungen sehr viel effektiver bekämpfen.”
Geschehe dies nicht, müssten sie bestraft werden. Von Notz fordert demnach “ein sehr entschlossenes Handeln von Staat, Justiz und Verwaltung”, doch auch die Gesellschaft müsse widerstandsfähiger gegen Antisemitismus werden.
Das betont auch Ulrike Becker von der Amadeu-Antonio-Stiftung. Dass die Bundesregierung bei den bestehenden Demokratieförderprogrammen kürzen will, hält sie deshalb für ein falsches Signal: “Diese Zahlen heute müssten eigentlich zeigen, dass es mehr Prävention braucht und mehr Maßnahmen gegen Antisemitismus – insbesondere im digitalen Raum.”


