491 Tage in den Händen der Hamas: Ex-Geisel berichtet über Trauma

491 Tage in den Händen der Hamas: Ex-Geisel berichtet über Trauma

Stand: 10.02.2026 07:40 Uhr

491 Tage war Eli Sharabi in Geiselhaft in Gaza – und hat darüber ein Buch geschrieben. Darin schildert der Familienvater, wie er auch in den dunkelsten Stunden durchgehalten hat, um zu überleben.

Bettina Meier

Eli Sharabi blickt hinauf aufs Meer. Die Wellen brechen sich am Strand von Herzliya unweit von Tel Aviv. Ein Jahr ist her, dass der 53-Jährige durch einen Geiseldeal mit der Hamas im Gazastreifen freikam.

491 Tage lang war der Familienvater aus dem Kibbuz Beeri eine Geisel der Terrororganisation Hamas, verbrachte die meiste Zeit ohne Sonnenlicht in den Tunneln im Gazastreifen. Es bedeute Freiheit, das Meer zu sehen und den Wellen zuzuhören, erzählt er. “Davon haben wir 50 Meter unter dem Boden nur geträumt. Ich habe Glück, hier am Leben zu sein, in Freiheit.”

Das Meer erinnere ihn an seinen Bruder Yossi, der gerne surfte. Yossi Sharabi wurde auch am 7. Oktober 2023 entführt. Er starb in Gefangenschaft bei einem Luftangriff. Immer wieder holen Eli Sharabi die Erinnerungen an den 7. Oktober ein – als Hunderte Terroristen den Kibbuz Beeri überfielen.

Eli war mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern, 13 und 16 Jahre alt, in den Schutzraum ihres Hauses geflüchtet.

Die Terroristen fingen an, in den Schutzraum zu schießen. Meine Frau sprang auf unsere Tochter Noya. Ich schützte Yael mit meinem Körper. Wir riefen, sie sollen aufhören. Ein Terrorist befahl, dass ich aus dem Haus gebracht werde. In diesem Moment verstand ich, dass ich entführt werde. Ich schaute zu meinen Töchtern, sah die Angst in ihren Augen. Ich versuchte, sie zu beruhigen und sagte, ich komme wieder.

Eli Sharabi bei seiner Freilassung im Februar 2025 – damals wog er nur noch 44 Kilogramm.

Die Terroristen lachten und filmten

Bevor er durch den Zaun nach Gaza in ein gestohlenes Auto gezerrt wurde, sie ihn mit einer Decke zudeckten, habe er mehr als 100 Terroristen gesehen. Sie seien in jedem Haus gewesen.

Er habe das brennende Haus eines Freundes gesehen, den sie getötet hatten. Die Terroristen lachten dabei und filmten sich. Das werde er nie vergessen, sagt Eli Sharabi und hält inne. Er habe in einen Überlebensmodus geschaltet.

In der Gefangenschaft habe er das Gefühl gehabt, “wenn dich etwas töten kann, dann ist es der Hunger”.

Manchmal habe es eine Schüssel Pasta gegeben, berichtet er. “Dann musst du 24 Stunden warten, bis es wieder etwas zu essen gibt. Du zählst jedes Reiskorn. Du teilst es mit anderen Geiseln. Wenn du stirbst, kannst du sagen, du hast versucht, ein Mensch zu bleiben und dass du fair zu deinen Freunden warst.”

Nach einem Monat wurde Eli in einen Hamas-Tunnel gebracht, wo er andere Geiseln traf. Hersh Goldberg Polin und Ori Danino wurden später von der Hamas erschossen. Sie hätten sich geholfen, zu überleben. Er habe versucht, für Disziplin beim Aufteilen von Essen zu sorgen – gegen den Hunger.

Gewichte heben – mit einer Wasserflasche

Es sei wichtig gewesen, eine Routine zu haben. Morgens hätten sie gebetet, mittags versucht zu essen. Obwohl er mit einer Eisenkette angekettet war, für 485 Tage, sagt Eli, habe er versucht, etwas zu gehen. Gewichte heben mit einer Wasserflasche, um bei Kräften zu bleiben.

Die Angst sei ständiger Begleiter gewesen: “Du siehst die geladenen Waffen, sie halten sie dir an den Kopf, bedrohen dich. Du hast immer Todesangst.” Was ihm geholfen habe, sei sein Versprechen an seine Frau und seine Töchter gewesen, dass er wiederkomme.

Er erzählt, dass er die anderen Geiseln ermuntert habe, jeden Tag von etwas Positivem zu erzählen, um das Eingesperrtsein psychisch zu überstehen, etwa dass es mal Tee gab oder dass die Entführer sie einen Tag lang nicht quälten.

Wenn sie den Befehl bekommen, dich zu töten, tun sie es sofort. Du musst Respekt zeigen. Du musst aufpassen, was du sagst. Sie sind unberechenbar. Eines Tages bekam einer einen Anruf, dass sein Haus bombardiert wurde. Er warf das Telefon zu Boden. Ich war angekettet. Er trat mich in die Rippen. Ich konnte drei Monate lang kaum atmen oder aufstehen.

Spitznamen für die Geiselnehmer

Für die Geiselnehmer habe er sich Namen ausgedacht wie Dreieck, Kreis oder Maske, schreibt Eli in seinem Buch “491 Tage”, in dem er die Grausamkeiten minutiös beschreibt.

Sie seien ausgehungert und geschlagen worden, hätten sich nur alle sechs Wochen waschen dürfen. Die Terroristen hätten ihnen erzählt, dass sie 20 Jahre lang bleiben müssen, dass ihr Land und ihre Familien sie vergessen hätten. Der Verlust der Kontrolle über das eigene Leben sei das Schlimmste gewesen.

Ich nahm eine Rasierklinge und schnitt mir in die Augenbraue, verwischte das Blut und gab vor, ohnmächtig zu werden. Ich wollte, dass sie denken, ich sterbe und sie ihr Druckmittel verlieren. Jeder von uns bekam eine Woche lang jeden Tag ein halbes Pitabrot mehr, dass wir für später aufheben konnten. Es war eine tolle Woche.

Trauer um Frau und Töchter

Eines Tages habe ein Entführer gesagt, er habe Sharabis Frau und Kinder im Fernsehen gesehen. Das sei das einzige Mal gewesen, dass er in Gaza weinte, sagt Sharabi.

Als er nach 491 Tagen durch Verhandlungen freikam, wog er noch 44 Kilogramm. Die Aussicht, seine Familie wiederzusehen, habe ihn angetrieben:

Ich habe mir vorgestellt, dass Lianne, Noya und Yahel mir an der Grenze entgegengerannt kommen. Aber es kam ein Sozialarbeiter der Armee und sagte, dass meine Mutter und meine Schwester auf mich warten. Ich sagte, ich wolle Lianne und meine Töchter sehen. Sie sagte, meine Mutter wird es mir sagen. Da wusste ich, dass sie den 7. Oktober nicht überlebt haben.

Er will nicht zurück ins Kibbuz

Am Grab habe er sich bei seiner Familie entschuldigt, dass er sie nicht beschützen konnte. Sharabi hat sich vorgenommen, nach vorne zu blicken. Doch noch immer ist die Waffenruhe brüchig. Die Hamas und die israelische Armee liefern sich weiter Gefechte. Viele, die einst in Beeri wohnten, wollen nicht zurück in ihr Kibbuz, auch Sharabi nicht.

“Wenn die Hamas in ein bis zwei Jahren noch immer das Sagen im Gazastreifen hat, wird es weitergehen. Sie werden Israel niemals als Staat anerkennen.” Sie wollten Israel zerstören – “das haben sie uns dauernd gesagt. Und dass sie wiederkommen, um uns zu töten.”

Er könne nichts tun, um seine Familie zurückzubringen, sagt Eli Sharabi. Oft komme er hierher ans Meer, wo er mit seiner Familie war, oder sitze im Auto und mache die Musik an, die er mit seinen Töchtern gehört hat.

Dann weine ich, aber ich kann nicht zulassen, dass das mein Leben kontrolliert. Als ich entführt wurde, habe ich völlig die Kontrolle über mein Leben verloren. Aber ich habe die ganzen 491 Tage in Geiselhaft daran geglaubt, dass ich die Wahl habe, wie ich auf die schrecklichen Dinge reagiere, die mir widerfahren sind und an was ich mich festhalten kann, mein Glaube, meine Familie. Und ich hatte die Wahl, ein menschliches Wesen zu bleiben. Das war mir am wichtigsten.

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