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Im Rahmen der Corona-Aufarbeitungskommission spricht ein Toxikologe von bis zu 60.000 Toten durch die Corona-Impfung. Doch laut Experten gibt es dafür keinerlei Belege.
“Ein Insider bei Pfizer, der früher Leiter der Toxikologie in Europa war, schätzt, dass in Deutschland 20.000 bis 60.000 Menschen an den Folgen der Covid-Impfung gestorben sind.” Das schreibt ein schwedischer Influencer auf der Plattform X. Der Post hat mehr als 60 Millionen Aufrufe und wurde unter anderem von X-Gründer Elon Musk geteilt. Musk schreibt dazu: “Die Impfdosis war offensichtlich zu hoch und wurde zu oft verabreicht.”
Auch das Online-Portal Nius berichtet im April in einem Artikel mit der Überschrift “Pfizer-Insider schätzt zwischen 20.000 und 60.000 Impftote für Deutschland” über diese Aussage. Hierfür gibt es jedoch keine Belege. Todesfälle durch Impfungen sind sehr selten aufgetreten.
Aussagen vor der Corona-Enquete-Kommission
In beiden Fällen ist der genannte Insider der pensionierte Toxikologe und Tiermediziner Helmut Sterz. Er sprach im März bei einer Sitzung der Corona-Enquete-Kommission des Bundestages. Dort kommen Experten und Politiker zusammen, um die Maßnahmen während der Corona-Pandemie zu reflektieren und Rückschlüsse für die Zukunft zu ziehen. Die Sachverständigen werden von den Parteien ausgewählt. So nahm etwa Karl Lauterbach als ehemaliger Gesundheitsminister auf Einladung der SPD an der Sitzung teil, ebenso wie Lothar Wieler, der als ehemaliger Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI) von der CDU/CSU eingeladen wurde.
Sterz wurde von der AfD-Fraktion zu der Sitzung eingeladen. Laut Kurzbiografie für sein impfkritisches Buch ist er seit 2007 pensioniert, auf seinem LinkedIn-Profil gibt er an, seit 2011 in Rente zu sein und von 2001 bis 2009 bei Pfizer gearbeitet zu haben. Nius beschreibt Sterz als “Leiter der Toxikologie bei Pfizer Europa”. Sterz sagt von sich selbst, er sei dort “verantwortlich für alle Tierexperimente” gewesen, “die der Arzneimittelsicherheit dienen”.
Auf Anfrage des ARD-faktenfinders stellt der Pharmakonzern Pfizer klar, dass Sterz während der Corona-Pandemie nicht bei Pfizer beschäftigt war und folglich nicht an der Entwicklung des COVID-19-Impfstoffs beteiligt war.
Sterz bezeichnete bei der Kommissionssitzung im März die Zulassung des COVID-19 Impfstoffes Comirnaty von BioNTech/Pfizer als “verbotenen Menschenversuch” und stellte die These auf, dass weit weniger Todesfälle durch die Impfung gemeldet wurden, als tatsächlich eingetreten sind: “Für Deutschland entspräche das 60.000 Todesfälle durch die Impfung.” Sterz ließ eine Anfrage des ARD-faktenfinders unbeantwortet.
Sterz kommt auf die angeblich 60.000 Toten durch die COVID-19-Impfung, indem er offizielle Zahlen des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) mit dem Faktor 30 multipliziert, um “eine hohe Dunkelziffer durch Underreporting” auszugleichen. In den USA gehe man Sterz zufolge von einem Underreportingfaktor von 30 aus.
Verdachtsfälle sind keine bestätigten Todesfälle
Das PEI ist in Deutschland für die Arzneimittelsicherheit und deren Überwachung zuständig. Bisher hat das Institut in den Jahren 2020-2024 insgesamt 2.133 Meldungen über Todesfälle nach einer Impfung mit Comirnaty erhalten, wie aus dem Bericht zur Anwendung der COVID-19-Impfstoffe hervorgeht. Bis zum Ende des Jahres 2024 sind laut diesem Pharmakovigilanzbericht knapp 138.487.852 Impfdosen mit dem erstzugelassenen Comirnaty-Impfstoff verabreicht worden.
Die gemeldeten Verdachtsfälle “sind keine bestätigten Impftodesfälle”, sagt Linda Sanftenberg dem BR24 #Faktenfuchs. Sie ist klinische Versorgungsforscherin am LMU-Klinikum in München, untersucht die gesundheitliche Versorgung der Bevölkerung, und ist stellvertretende Vorsitzende des Nationalen Aktionsbündnisses Impfen (NABI). “Aus der reinen Anzahl solcher Meldungen kann keine tatsächliche Häufigkeit von Nebenwirkungen berechnet werden”, so Sanftenberg.
Auf Anfrage des ARD-faktenfinders erklärt ein Sprecher des PEI, dass Meldungen von unterschiedlichen Stellen bei ihnen eingehen, etwa von Ärzten, Apothekern, Gesundheitsämtern, aber auch von Betroffenen. Zu einer großen Zahl von Berichten hole das PEI dann zusätzliche Informationen ein. Um Warnsignale zu erkennen, würden verschiedene statistische Methoden genutzt.
Ergebe sich etwa eine signifikant höhere Melderate für ein Ereignis nach Impfung, als es statistisch zufällig in einer vergleichbaren, nicht geimpften Bevölkerung zu erwarten wäre, “geht das Paul-Ehrlich-Institut von einem möglichen Risikosignal aus, das dann durch zusätzliche, zumeist epidemiologische Studien weiter untersucht werden sollte”.
Bei 28 Fällen besteht kausaler Zusammenhang
Nicht in allen gemeldeten Verdachtsfällen besteht auch ein tatsächlicher ursächlicher Zusammenhang mit der Impfung, betont der Sprecher des PEI: “Expertinnen und Experten der Überwachung der Arzneimittelsicherheit bewerten die Kausalität solcher Fälle nach standardisierten Algorithmen.”
Diese Kriterien zur sogenannten Kausalitätsbewertung wurden von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) festgelegt und sollen weltweit dafür sorgen, dass Verdachtsmeldungen von Nebenwirkungen nach einer Impfung einheitlich und systematisch bewertet werden. So kann laut WHO “die Wahrscheinlichkeit eines kausalen Zusammenhangs zwischen dem Ereignis und dem/den erhaltenen Impfstoff(en)” bestimmt werden. Daraus ergeben sich laut PEI für Impfungen mit Comirnaty 28 Verdachtsfälle, in denen “ein kausaler Zusammenhang zur stattgefundenen Impfung möglich oder wahrscheinlich ist”.
Dass einzelne Personen tatsächlich in Zusammenhang mit der COVID19-Impfung zu Schaden gekommen oder verstorben sind, wird seit 2022 spekuliert, ergänzt Bernhard Schieffer, Kardiologe und Leiter der Post-Vac/Post-Covid-Ambulanz an der Universitätsklinik Marburg. Hierfür fänden sich Indizien in den Post-Marketing-Reports und Studien der Impfstoffhersteller. “Man muss davon ausgehen, dass es zu Todesfällen gekommen ist in Zusammenhang mit der COVID-19-Impfung, so wie dies auch bei anderen Impfungen (wie Gelbfieber) der Fall ist”. Trotzdem sei medizinisch gesehen eine Impfung das Beste, was uns vor einer Infektion schützt, sagt Schieffer.
Das Robert Koch-Institut (RKI) schreibt dazu: “Bei großen Impfkampagnen, die in kurzer Zeit einen Großteil der Bevölkerung erreichen, ist es statistisch erwartbar, dass Erkrankungen und Todesfälle im zeitlichen Zusammenhang mit Impfungen auftreten, auch wenn kein ursächlicher Zusammenhang besteht.” Dies habe sich insbesondere zu Beginn der COVID-19-Impfkampagne gezeigt, als vorrangig ältere und vorerkrankte Personen geimpft wurden.
“Ein Großteil der gemeldeten Verdachtsfälle mag in zeitlicher Nähe mit einer COVID-19-Impfung aufgetreten sein, allerdings lässt sich in vielen Verdachtsfällen das aufgetretene Ereignis durch andere Faktoren, wie vorliegende Vor- oder Begleiterkrankungen oder Begleitmedikationen erklären”, heißt es im Bericht des PEI. Zudem lägen bei einer erheblichen Anzahl von Verdachtsfällen nur limitierte Informationen vor, was eine endgültige Bewertung der Kausalität eines Verdachtsfalls nicht ermögliche.
Aus der Kausalitätsbewertung sowie auf Basis der “weiteren regulär durchgeführten Analysen zur Sicherheit der COVID-19-Impfstoffe ist aktuell kein Risikosignal auf ein bisher unbekanntes Sicherheitsrisiko erkennbar”, so das PEI.
“Zulassungsbehörden weltweit haben den COVID-19-Impfstoff von Pfizer-BioNTech zugelassen, und medizinische Expertengremien haben die Daten geprüft und empfehlen den Impfstoff weiterhin”, schreibt auch der Unternehmenssprecher von Pfizer.
Underreportingfaktor von 30 unseriös
Der von Sterz angewendete Faktor 30 ist Experten zufolge nicht seriös. “Ein pauschaler Faktor 30 für Todesfälle gilt in der Pharmakovigilanz nicht als Standardannahme”, sagt Sanftenberg. Weder in den USA noch in Deutschland. Diese Zahl tauche zwar immer wieder in Debatten auf, rühre aber aus teils alten Aussagen her, teils aus zu kleinen Studien und aus zu allgemein gefassten Quellen, die sich nicht speziell auf Impfstoffe oder Todesfälle beziehen. “Sie stammt nicht aus einer offiziellen Schätzung von Behörden wie der CDC oder FDA.”
Die Versorgungsforscherin beobachtet, dass Underreporting vor allem bei milden Nebenwirkungen auftrete. Auch Schieffer hält ein Underreporting von Impfnebenwirkungen für “ziemlich sicher”. Frühe leichte Nebenwirkungen seien vor allem allergische Reaktionen oder Kreislaufprobleme gewesen – längerfristig seien postinfektiöse Erkrankungssymptome typisch gewesen. Schwere Ereignisse wie ein Krankenhausaufenthalt oder Tod würden Sanftenberg zufolge aber viel häufiger gemeldet.
Hohe Meldebereitschaft
Ärzte, Apotheker und andere impfende Stellen sind verpflichtet, schwere Ereignisse im unmittelbaren Zusammenhang mit der Impfung zu melden. Und auch Hersteller seien das, so Sanftenberg. Todesfälle würden außerdem medizinisch untersucht. “Daher ist die Meldequote bei Todesfällen typischerweise relativ hoch.”
Auch das PEI geht nicht von einem massiven Underreporting aus und bestätigt dem ARD-faktenfinder schriftlich, “dass die Aufmerksamkeit für mögliche Nebenwirkungen und damit verbunden die Meldefreudigkeit bei neuen Impfstoffen besonders hoch ist.” Gerade durch die besondere Situation während der Pandemie war bezüglich der Impfstoffe eine “erhöhte Meldebereitschaft zu erwarten und auch vorhanden”, so ein Sprecher des PEI.
Um Underreporting vorzubeugen, habe das PEI außerdem “vor vielen Jahren die Möglichkeit geschaffen, dass auch Betroffene und deren Angehörige den Verdacht einer Nebenwirkung unkompliziert und ohne großen Zeitaufwand” melden können.
Die in Deutschland gemeldeten Daten stimmten darüber hinaus mit den Meldungen aus anderen Ländern überein. Die von Sterz “genannte Schätzung einer Dunkelziffer bzgl. der erfassten Verdachtsfallmeldungen ist aus Sicht des Paul-Ehrlich-Instituts somit spekulativ und nicht durch wissenschaftliche Daten gedeckt.”
Sterberisiko durch Impfung nicht erhöht
Der Vergleich mit tatsächlichen Daten widerspreche der Schätzung, sagt Sanftenberg: “Wenn 60.000 Impftote real wären, müsste man eine massive Übersterblichkeit direkt nach der Impfkampagne sehen, eine Konzentration in bestimmten Altersgruppen oder Chargen sowie deutliche Signale in den internationalen Daten. Solche Signale wurden in großen Datensätzen aus mehreren Ländern nicht gefunden.”
Zahlreiche Studien belegen etwa, dass COVID-19-Impfstoffe das Sterberisiko einer Person nicht erhöhen und dass die Impfungen viele Leben gerettet haben. So kam beispielsweise eine Studie aus dem Jahr 2022, an der fast sieben Millionen Menschen teilnahmen zu dem Ergebnis, dass “keine Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen einer COVID-19-Impfung und einem erhöhten Sterberisiko gefunden wurden”. Vielmehr hatten der Studie zufolge COVID-19-Geimpfte ein geringeres Sterberisiko als Ungeimpfte.
Kritische Aufarbeitung sei “richtig und wichtig”
Schieffer hält es für wenig hilfreich, wenn in einer Enquete-Kommission, die ja diese ganze Pandemie aufarbeiten soll, publikumswirksam solche Aussagen und Zahlen kommuniziert werden. “Das polarisiert und führt nicht dazu, dass es zu einer unaufgeregten Aufarbeitung der Pandemie kommt. Zudem wird die Ablehnung gegen lebensrettende Impfungen geschürt.” Das sieht auch Lea Frühwirth, Senior Researcherin beim Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS) so. Immer wieder würden im verschwörungsideologischen Milieu Studien fehlinterpretiert werden, Aussagen dekontextualisiert oder Korrelation mit Kausalität verwechselt werden, um zu dem vermeintlichen Schluss zu kommen, dass die Impfung das eigentliche Problem sei.
“Bei genauerem Hinsehen wurden solche Behauptungen in der Vergangenheit immer wieder aufgelöst. Aufmerksamkeit kann man damit natürlich trotzdem generieren, denn es wird ein großes Unrecht behauptet.” Dazu kommt, dass Personen wie Sterz Vertrauen wecken. “Wer in weißem Kittel, mit Doktortitel oder einem Prof. vor dem Namen auftritt, der kann erst einmal wie eine verlässliche Quelle wirken, eine vermeintliche Autorität im Diskurs”, sagt Frühwirth.
Doch es komme aufs Detail an, erläutert Frühwirth. “Spricht hier wirklich jemand, der sich mit dem vorliegenden Thema fundiert auskennt – und das auf dem aktuellsten Stand der Forschung, im konkreten Unterthema? Oder handelt es sich vielleicht um jemanden, der Expert:in eines benachbarten Feldes ist, oder dessen Wissensstand einige Jahre alt ist?” Wer als kompetenter Wissenschaftler auftrete, aber in der Herleitung der eigenen Behauptungen von vorliegender Evidenz abweiche und an widerlegten Hypothesen eisern festhalte, sei “beim genaueren Hinsehen eben doch keine gute Quelle zum Erkenntnisgewinn.”
Es sei “richtig und wichtig”, dass sich kritisch mit den Entscheidungen, die während der Pandemie getroffen wurde, auseinandergesetzt werde, denn es gebe zahlreiche Fragen, die gestellt und aufgearbeitet werden müssten, sagt Schieffer. “Die Lehren, die wir hieraus ziehen, sind elementar, um auf die nächste Pandemie besser vorbereitet zu sein”, so der Kardiologe.



