Militärmusik und Sanitätsdienst – bis vor 25 Jahren war das die Realität für Frauen in der Bundeswehr. Heute stehen ihnen alle Bereiche offen. Wie läuft es für die Soldatinnen? Fühlen sie sich angekommen?
“Achtung, Gefecht!”, kommandiert Jana. Die 29-Jährige sitzt hinten rechts auf dem Kommandantenplatz einer Panzerhaubitze 2000. Für das Geschütz, das aussieht wie ein übergroßer Panzer, und seine insgesamt fünfköpfige Besatzung trägt Jana die Verantwortung. Wenn sie den Befehl zum Feuern bekommt, muss sie dafür Sorge tragen, dass ihre Haubitze das Ziel in bis zu 40 Kilometern Entfernung trifft.
An diesem Tag kommt der Geschützdonner aber nur aus dem Lautsprecher. Jana, bei der die Bundeswehr auf dem Vornamen besteht, und ihre Besatzung üben im Simulator. Dafür wird eine echte Panzerhaubitze in eine spezielle Halle gefahren, mit einem anderen Rohr versehen und mit Computern und Kameras verkabelt. Routinetätigkeiten können die Soldaten so immer wieder üben – und das kostengünstig. Die Handgriffe müssten schließlich sitzen, sagt Jana. Sie dient im Panzerartilleriebataillon 131 in Weiden in der Oberpfalz. Als sie vor bald zehn Jahren Soldatin wurde und zur Artillerie kam, hatte sie großen Respekt vor all der Technik.
Vor der Bundeswehr hatte Jana eine Ausbildung zur Köchin gemacht. Kochen war zunächst auch ihr Ziel bei der Truppe. Doch als sie sich bewarb, waren keine passenden Stellen frei. Bei der Artillerie aber gab es Bedarf.
“Einhorn innerhalb der Bundeswehr”
Als Geschützführerin sei sie jetzt so etwas wie ein “Einhorn innerhalb der Bundeswehr”, lächelt sie. Jana ist nach eigenen Angaben erst die dritte Frau, die diesen Weg gegangen ist. Sie ist stolz, “sich bewährt zu haben”, und diene aus Überzeugung, um für Deutschlands Sicherheit einzustehen.
Mit vier männlichen Kameraden während Manövern tagelang in und auf der Haubitze zu leben, sei da kein Problem für sie. Jana räumt aber ein: Das Vertrauen einer neuen Besatzung, das müsse sie sich als Frau immer erst erarbeiten und Leistung zeigen. Kein Wunder: Kommen doch im Heer, zu dem die Artillerietruppe zählt, auf etwa 60.000 Männer nur rund 5.000 Frauen.
Alle Bereiche seit 25 Jahren offen
Karrieren wie die von Jana sind erst seit 25 Jahren möglich in der Bundeswehr. Im Jahr 2001 wurden alle Bereiche der Truppe für Frauen geöffnet. Zuvor durften Frauen nur in der Militärmusik und im Sanitätsdienst dienen.
Anlass für die Öffnung war eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes aus dem Vorjahr. Die Elektronikerin Tanja Kreil aus Hannover hatte sich bei der Bundeswehr als Waffenelektronikerin beworben. Aufgrund ihres Geschlechts wurde sie abgelehnt. Kreil klagte mit Unterstützung des deutschen Bundeswehrverbandes. Auf europäischer Ebene bekam sie Recht. Die Bundesrepublik musste die Gesetzgebung nachbessern und alle Truppengattungen für Frauen öffnen.
Frauenanteil von 20 Prozent angestrebt
Als es im Jahr 2001 losging, dienten laut Verteidigungsministerium gut 6.700 Frauen freiwillig in der Truppe. Heute sind es mehr als 25.000. Bei etwa 186.000 Soldaten und Soldatinnen entspricht das einem Frauenanteil von mehr als 13 Prozent. Zuletzt schien er zu stagnieren. Offiziell wird ein Frauenanteil von 20 Prozent angestrebt.
Laut dem Wehrbeauftragen des Deutschen Bundestages bedarf es “besonderer Anstrengungen”, um Interessentinnen zu gewinnen. Das Potenzial für Soldatinnen beschreibt er in seinem letzten Bericht als “nicht ausgeschöpft”. In der Vereinbarkeit von Familie und Dienst sieht die Fachjournalistin Julia Egleder einen wesentlichen Grund.
Als weitere Baustelle 25 Jahre nach Öffnung aller Bereiche gilt darüber hinaus immer noch die persönliche Ausrüstung für Frauen. Etwa fehlen Schutzwesten, die der weiblichen Anatomie gerecht werden. Das Thema stehe auf der Agenda, die Beschaffung stecke aber noch “in den Kinderschuhen”, räumt Generaloberstabsarzt Nicole Schilling im BR-Interview ein. Schilling ist die Stellvertreterin des Generalinspekteurs und die ranghöchste Frau der Bundeswehr.
Eine Bereicherung für die Truppe
Geht es nach Jana, dürfte der Frauenanteil in der Bundeswehr steigen. Sie rät Interessentinnen aber, sich vorher Gedanken über eigene Stärken und Schwächen und die passende Truppengattung zu machen. Bei der Artillerie gehört etwa das Herumwuchten von Geschossen dazu. 42,8 Kilogramm wiegt das leichteste. Nicole Schilling ermuntert junge Frauen: Oft könnten sie sich mehr zutrauen, als sie denken. Die Bundeswehr gebe ihnen die Möglichkeit dazu, sehr viel über sich selbst zu lernen.
Jana sieht in Frauen eine Bereicherung: Sie seien oft einfühlsamer. Im Einsatz, als es nach monatelanger Abwesenheit von Familie und Partnerin schwer wurde, war sie eine wichtige Ansprechpartnerin für ihre männlichen Kameraden, erzählt Jana. “Danach war die Wiese meistens wieder grün.”
Angesprochen wird die 29-Jährige dabei als “Frau Hauptfeldwebel”. Denn die Bundeswehr kennt nach wie vor nur männliche Dienstgrade: eine “Frau Hauptmann” etwa oder eine “Frau Gefreiter”. Für Jana ist das kein Problem. Das sei schließlich eine Tradition, die viel länger in die Vergangenheit zurückreiche als 25 Jahre. Obendrein wolle sie keine “Extrawürste”: “Man ist Soldat, egal welches Geschlecht.”
Die BR-Reportage “Stillgestanden, Frau Hauptfeldwebel! 25 Jahre Frauen in allen Bereichen der Bundeswehr”, die verschiedene Soldatinnen begleitet, finden Sie in ARD Sounds.


