Klage zum Abgasskandal: Millionen Dieselmotoren vor dem Aus?

Klage zum Abgasskandal: Millionen Dieselmotoren vor dem Aus?

Stand: 20.04.2026 • 11:03 Uhr

Millionen Autofahrer könnten nach einem Gerichtsurteil die Zulassung für ihre Autos verlieren. Noch immer geht es um den Motor, der vor zehn Jahren im Zentrum der Dieselaffäre stand.

Von Sophia Stritzel und Tim Diedrichs, NDR

Harald Fritsch öffnet sein Garagentor. Die hellblaue Tür schwingt quietschend nach oben, dahinter kommt das Sorgenkind des Rentners zum Vorschein: ein 14 Jahre alter VW-Polo. “Wie lange kann ich den hier noch rausholen?”, fragt der 78-Jährige nachdenklich.

Denn sein kleines, graues Auto macht vielleicht zu viel Dreck, im schlimmsten Fall droht der Verlust der Zulassung. Dabei hatte Fritsch das Auto auch gekauft, weil es damals als besonders sparsam und umweltfreundlich galt: “Man fühlt sich ein bisschen veräppelt, jetzt wird es verteufelt, als das Schädlichste, was wir uns überhaupt vorstellen können.”

Klage gegen “schmutzige Betrugsdiesel”

Das Problem steckt unter der Motorhaube: der Dieselmotor EA189 von Volkswagen. Um seine Zukunft wird seit etwa zehn Jahren vor Gericht gestritten. Kläger ist die Deutsche Umwelthilfe (DUH). Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch will alle “schmutzigen Betrugsdiesel” von der Straße entfernen, denn das Kraftfahrt-Bundesamt habe “Volkswagen erlaubt, Abschaltvorrichtungen in vielen Millionen Diesel-PKW weiter zu betreiben”.

Das Oberverwaltungsgericht Schleswig hatte der Deutschen Umwelthilfe im vergangenen Jahr Recht gegeben. In seiner jetzigen Form sei der Motor EA189 unzulässig. Eine Revision wurde nicht zugelassen.

Aber das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, denn das Kraftfahrt-Bundesamt hat Beschwerde eingelegt. Die Entscheidung könnte im Mai fallen, schätzt die Deutsche Umwelthilfe.

Wie viel Dreck darf aus dem Auspuff kommen?

Worum genau gestritten wird, erklärt Frank Atzler, Experte für Verbrennungsmotoren an der Technischen Universität Dresden. Moderne Diesel verfügen über eine sogenannte Abgasrückführung. Das Prinzip: Der Motor atmet einen Teil seiner Abgase wieder ein und verbrennt sie erneut. So kommen weniger giftige Stickoxide aus dem Auspuff.

Aber das System läuft nur auf Höchstleistung, wenn die Temperatur passt, erklärt Atzler, sonst drohten Motorschäden. Deshalb wurde eine Software entwickelt: Ist es zu heiß oder kalt, greift das sogenannte Thermofenster ein und drosselt die Abgasrückführung. “Das heißt, dass die Hersteller bei bestimmten Temperaturen weniger tun für die Abgasreinigung”, erklärt Atzler.

Volkswagen argumentiert mit technischer Notwendigkeit – das Oberverwaltungsgericht Schleswig aber sieht ein unzulässiges Vorgehen. Denn es werde bereits bei Temperaturen unter etwa zehn Grad gedrosselt, wie sie in Deutschland recht häufig vorkommen. Eine Drosselung aus Motorschutzgründen sei aber nur selten – also in Ausnahmefällen – zulässig.

Dieselmotor EA189 im Zentrum des VW-Skandals

Der Motor EA189 hat schon einmal für Schlagzeilen gesorgt: Er stand im Zentrum des VW-Skandals, der die Autoindustrie durchrüttelte. Im September 2015 war bekannt geworden, dass Volkswagen eine Software einsetzte, die erkennen konnte, ob sich ein Auto auf einem Prüfstand befand und dort den Stickoxid-Ausstoß reduzierte.

Im normalen Straßenverkehr kam deutlich mehr Dreck aus dem Auspuff. Weltweit waren so rund elf Millionen Autos manipuliert worden, viele mit dem Motor EA189. Die erhielten Software-Updates, um die bis heute vor Gericht gestritten wird.

Millionen Autos könnten Zulassung verlieren

Das Urteil könnte Folgen haben für Millionen Autofahrer. Denn sollte der Dieselmotor seine Zulassung verlieren, drohten auch Folgen für andere Hersteller, prognostiziert Atzler: “Das ist ein Feld, Wald und Wiesenmotor”, der in seiner Bauweise anderen Euro5-Motoren gleiche.

Und die seien weit verbreitet, auch bei BMW, Renault und Mercedes verbaut. “Sämtliche Motoren der alten Flotte bis 2017 wären betroffen”, schätzt Atzler, zudem einige Euro6-Modelle. Auch gegen die klagt die Deutsche Umwelthilfe. Etwa 100 weitere Verfahren laufen noch.

Nachrüstung nur schwer möglich

Welche Folgen ein Urteil konkret haben würde, ist noch offen. Allerdings sieht die Deutsche Umwelthilfe für Autobesitzer sogar einen Vorteil: “Das Fahrzeug würde kostenfrei für den Verbraucher nachgebessert werden”, sagt Jürgen Resch. Das Kraftfahrt-Bundesamt verweist auf die Pflicht des Herstellers, Mängel zu beseitigen. Der müsse auch die Kosten tragen. Volkswagen will sich zu möglichen Nachbesserungen nicht äußern.

Doch ob die überhaupt möglich sind, ist unklar, erklärt Atzler. “Eigentlich nicht.” Den Motor neu zu konzipieren könne bis zu drei Jahre dauern, erklärt er. Wenn überhaupt, wäre eine Abgasnachbehandlung mittels Harnstofflösung möglich – besser bekannt unter dem Namen “AdBlue”.

Gerhard Kagerah hat in seiner Hamburger Autowerkstatt fast täglich mit dem Motor EA189 zu tun, den er als “tadellos” beschreibt. Die Nachrüstung wäre für ihn kein Problem – an einem Tag erledigt, sagt er. Aber: “Das kostet mindestens drei bis fünftausend Euro.”

Der VW-Caddy, an dem er gerade arbeitet, sei noch etwa Zehntausend Euro wert. “Ob sich das lohnt – grenzwertig”, sagt er. Viele Autos mit Euro5-Motoren sind alt, weniger wert. Sollten sie ihre Zulassung verlieren, würde das viele seiner Kunden unvorbereitet treffen, glaubt Kagerah. Denn welcher Motor in ihrem Fahrzeug steckt, wüssten die Wenigsten.

Schadenersatz vom Staat?

Betroffene Autobesitzer sollten jetzt schnell handeln, sonst drohten Ansprüche zu verjähren, mahnt Anwalt Christian Grotz. Er betreut 1.000 Mandanten, die Schadenersatz fordern und deshalb gegen den Staat klagen wollen. Eine Klage gegen den Hersteller, also Volkswagen, sei nicht möglich, denn “der hat ja vom Kraftfahrt-Bundesamt einen Stempel bekommen, dass das zulässig ist.”

Deshalb müsse nach seiner Einschätzung der Staat haften. Auch Rentner Harald Fritsch aus Bremen wird klagen, sollte das Urteil für ihn Folgen haben. Bis dahin setzt er weiter auf seinen alten VW-Polo und hofft, dass er ihn noch lange weiterfahren kann.

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