Mitmachaktionen: Wie Hobbyforscher der Wissenschaft helfen

Mitmachaktionen: Wie Hobbyforscher der Wissenschaft helfen

Stand: 25.04.2026 • 11:45 Uhr

Möglichst viele Freiwillige sind aufgerufen, an ihrem Wohnort wilde Pflanzen und Tiere zu dokumentieren. Solche Daten helfen der Wissenschaft, lokale und globale Veränderungen der Biodiversität besser zu verstehen und zu erforschen.

Statt nur auf wenige Messstationen oder professionelle Kartierungen zu setzen, greifen Forschende zunehmend auf eine Masse an Meldungen aus der Bevölkerung zurück.

Am Botanischen Garten der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) in Erlangen engagiert sich Katrin Simon für lokale Bürgerwissenschaftsprojekte und erstmals auch für die “City Nature Challenge”. “Ein Mehrwert ist die breite Datenbasis, die zeigt, wie sich der menschliche Einfluss auf die Biodiversität auswirkt.” So könne man erfassen, welche Pflanzen in den meisten Städten weltweit wachsen, welche sich ausbreiten oder welche verlorengehen. Das belegt auch eine Studie zur Nutzung umfangreicher Citizen-Science-Datensätze.

Bürgerforschung gewinnt an Bedeutung

Bürgerforschung, sogenannte Citizen Science, wird in Deutschland immer beliebter und auch für die weltweite Forschung wichtiger. Besonders stark ist dieser Trend bei Naturbeobachtungen und Aktionen wie der “Stunde der Gartenvögel” oder der “Insektensommer”. Sie motivieren jedes Jahr hunderttausende Menschen, Vögel und Insekten zu zählen.

Über Plattformen und Apps wie iNaturalist oder eBird können Freiwillige Fotos und Beobachtungen von Vögeln, Insekten und Pflanzen hochladen. So entsteht ein dichtes Netz an Datensätzen, das zeigt, wo welche Arten vorkommen und wo sie seltener werden. Ökologen können aus den Ergebnissen ableiten, welche Schutzmaßnahmen notwendig sind, um die Biodiversität zu verbessern.

Hobbyforscher ergänzen teures Monitoring

Weil die Beobachtungen bei Mitmachaktionen oft aus sehr unterschiedlichen Landschaften und Siedlungsräumen stammen – vom Stadtbalkon bis zur Agrarlandschaft – lassen sich lokale Veränderungen erkennen, die rein professionelle Messnetze nicht abbilden. Deshalb rufen Naturschutzverbände regelmäßig zu Mitmachaktionen auf.

Auch Matthias Nuß, Schmetterlingsforscher und Sektionsleiter Lepidoptera bei den Naturhistorischen Sammlungen Dresden Senckenberg, setzt auf die Bürgerbeteiligung. “Wir können mit solchen Daten Auswertungen machen, die ohne Bürgerforscher nicht möglich wären. Beispielsweise im Rahmen des Klimawandels zeigt sich, dass sich Arten aus Südeuropa, wie die Holzbiene oder Gottesanbeterin hierzulande ausbreiten”, sagt er. Die Datensammlungen vieler Projekte wie “Schmetterlinge Deutschlands” laufen über Jahre, was die Beobachtungen besonders aussagekräftig macht.

Weil aufgrund des Insektensterbens auch die Nahrungsbasis für viele Tierarten verlorengeht, liefern regelmäßige “Bestands-Inventuren” wichtige Hinweise darauf, welche Naturschutzkonzepte lokal ratsam sind. Sie sind laut Studien auch wichtig für die fachliche Beurteilung, wie verbreitet einzelne Arten sind, und welche Art als gefährdet gilt und auf die “Rote Liste” kommt.

Wissenschaftlicher Nutzen setzt hohe Datenqualität voraus

Expertengruppen begutachten die erfassten Daten von Bürgerforschungsprojekten. Funde mit mindestens einem Foto oder einer Tonaufnahme sowie exakter Zeitangabe haben Forschungsqualität, wenn dabei auch der genaue Aufnahmeort vermerkt wurde. Georeferenzierte Daten können Forschungsgruppen gezielt abfragen und so beispielsweise Artenvorkommen auf Landkarten darstellen.

Die Plattform iNaturalist macht Fotos und Informationen weltweit zugänglich und für wissenschaftliche Studien nutzbar. Zuletzt wurde so eine neue Spinnenart entdeckt: Auf einem Foto der Plattform erkannten Nutzerinnen und Nutzer, dass ein vermeintliches Pilzexemplar aus dem Amazonas tatsächlich eine Spinne war.

Ein internationales Forschungsteam unter Beteiligung des Leibniz-Instituts zur Analyse des Biodiversitätswandels (LIB) konnte die seltene Spinnenart Taczanowskia waska identifizieren und erstmals eine außergewöhnliche Form von Mimikry beschreiben: Sie stellt den ersten dokumentierten Fall dar, in dem eine Spinne das Erscheinungsbild eines parasitären Pilzes imitiert, um besser jagen zu können.

Beobachtungen helfen Datenlücken zu schließen

Welche Folgen haben Veränderungen wie Baumaßnahmen, Abholzungen und Straßenbau für die Artenvielfalt? Welche Pflanzen und Tierarten profitieren davon, wenn Flächen wieder entsiegelt und begrünt werden? Langfristige Studien zu diesen Fragen fehlen in der Regel, und damit auch die Dokumentation, wie sich vor Ort eine schrittweise Umweltveränderung auf das Vorkommen bestimmter Arten, zum Beispiel Fledermäuse, auswirkt.

Laut Katrin Simon wächst auch der Bedarf an engagierten Artenkennern, das Berufsbild sei zwar wenig attraktiv, aber: “Wenn man in der App aktiv wird, kann man es als Hobby machen und kann sich da herantasten und wer mag, durch die Informationen auf der Plattform selbst ein gefragter Artenkenner werden.” Gerade die kleinen und unscheinbaren Insekten und Moose seien bislang schlecht erforscht.

Globale Auswertung zu Folgen des Klimawandels

An der diesjährigen “City Nature Challenge”, dem weltweit erfolgreichsten Bürgerforschungsprojekt, nehmen 12 Städte und Regionen Deutschlands teil – darunter Berlin, Hamburg, Frankfurt am Main und erstmals auch die Region Mittelfranken im Großraum Nürnberg-Fürth-Erlangen.

Für die Beteiligten bedeutet das: Wer bei der “City Nature Challenge” mitmacht, leistet einen konkreten Beitrag zur Forschung und zur kommunalen Planung. Entscheidend sind dabei gute Fotos, genaue Ortsangaben und eine möglichst breite Erfassung verschiedener Lebensräume.

Laut Forschung zu dem Wettbewerb ergänzen sich Bürgerforschung und professionelle Wissenschaft gerade in Städten ideal – und das Beispiel Melbourne in Australien zeige, dass viele wichtige Erkenntnisse zur Artenvielfalt ohne die “vielen Augen” engagierter Bürgerinnen und Bürger schlicht fehlen würden. Viele Beobachtungen von Mitmachaktionen stammen aus Gärten oder Wohngebieten, an denen Forschungsgruppen kaum systematisch arbeiten.

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