Zwei kleine Kinder und ihre Eltern starben im November 2025 in Istanbul – durch ein Insektengift, das in ihrem Hotel ausgebracht wurde. Heute beginnt der Prozess gegen die mutmaßlichen Verantwortlichen.
Vergangenes Jahr im November war die Hamburger Familie nach Istanbul gereist. Die Eltern und ihre drei und fünf Jahre alten Kinder wohnten in einem Hotel in der bei Touristen sehr beliebten Altstadt.
Sie verlebten normale Urlaubstage – bis sie krank wurden. Zuerst die Kinder, dann die Mutter, schließlich auch der Vater. Ärzte gingen wegen der Symptome zunächst von einer Lebensmittelvergiftung aus. Doch die Wahrheit war viel schlimmer. Alle vier starben. Heute beginnt in Istanbul der Prozess gegen die mutmaßlichen Verantwortlichen.
Der Schmerz sitze tief, sagte Yılmaz Böcek kürzlich in einem NDR-Interview. Der Endfünfziger mit grauem Bart wirkt zwar gefasst, als er über den Tod seines Sohnes, seiner Schwiegertochter und der beiden Enkelkinder spricht. Aber er spricht auch von einer Wunde, von der er nicht wisse, ob sie jemals heilen werde: “Dieser Verlust – das kann man niemals ersetzen. Wir leben, aber – wie kann ich das sagen – leer, einfach leer.”
Ruf eines Touristenziels auf dem Spiel
Auch in der Türkei selbst war das Entsetzen groß. Fast alle Medien berichteten: “Sie waren für einen Urlaub in die Türkei gekommen – doch ihre Leben wurden zerstört”, so eine Fernsehmoderatorin im vergangenen November.
Der Fall sorgte nicht nur deshalb für großes Aufsehen, weil die Familie ursprünglich aus dem Land stammte. Sondern auch, weil der Ruf eines beliebten Touristenziels auf dem Spiel steht.
Als klar wurde, dass die vier Hamburger nicht an verdorbenen Lebensmitteln gestorben waren, sondern durch Gift in ihrem Hotel, sagte der damalige Justizminister Yılmaz Tunç: “Wer auch immer für den Tod dieser Familie verantwortlich ist, wird sich vor Gericht verantworten müssen. Insbesondere in dieser Branche muss man besonders vorsichtig arbeiten. Es geht immerhin um wertvolle Menschenleben.”
Sechs Menschen angeklagt
Angeklagt sind nun sechs Menschen, darunter der Hotelbetreiber, der Inhaber einer Firma für Schädlingsbekämpfung und sein Angestellter. Der Ablauf wurde weitgehend nachgezeichnet. Im Hotelzimmer unterhalb dem der Hamburger Familie wurde Aluminiumphosphat ausgebracht, ein starkes Gift gegen Schädlinge. In Verbindung mit Feuchtigkeit entstand daraus das tödliche Gas Phosphin. Über undichte Stellen rund um Heizungsrohre soll es in das Zimmer der Familie gelangt sein.
Zuerst ging es den Kindern schlecht. Ihre Eltern brachten sie ins Krankenhaus. Mit Verdacht auf eine Lebensmittelvergiftung wurden sie fortgeschickt. Ein Fehler, meint der Anwalt der Angehörigen, Yaşar Balci, im ARD-Interview: “Kleine Kinder, drei und fünf Jahre alt, kommen Blut spuckend ins Krankenhaus. Dann werden sie ohne weitere Beobachtung und zu früh zurück ins Hotel geschickt.”
Balci möchte daher auch die verantwortlichen Ärzte und Pfleger vor Gericht bringen. Er hat entsprechende Anträge gestellt. Zurück im Hotel verschlechterte sich der Zustand der Kinder. Wieder im Krankenhaus starben sie, dann die Mutter, einige Tage später auch der Vater.
Im Fokus: Firma zur Schädlingsbekämpfung
Im Fokus steht vor allem eine Firma zur Schädlingsbekämpfung. Sie hätte mit dem Gift gar nicht arbeiten dürfen, so Anwalt Balci. Zudem waren die vier Hamburger offenbar nicht die ersten Opfer des Gifts.
Ein Jahr zuvor starb in Istanbul eine Studentin aus Norddeutschland. Auch in dem Haus, in dem sie damals wohnte, wurde das Gift ausgebracht. Eigentlich ist der Umgang mit Giften gesetzlich geregelt. Weil sie sich nicht daran hielt, musste die Firma schon einmal eine Strafe zahlen – und machte einfach weiter. Kontrollen hatte sie kaum zu befürchten, beklagt Balci: “Ich halte die Kontrollen nicht für ausreichend. Wären regelmäßige Kontrollen durchgeführt worden, hätte diese Firma nicht so lange bestehen können.”
“Wir wollen Gerechtigkeit”
Den Angeklagten drohen nun Haftstrafen von mehr als 22 Jahren – pro Todesopfer. Den Angehörigen ist eine harte Strafe wichtig, denn Yılmaz Böcek sagt: “Das ist kein Unfall. Das ist ein Mord.” Daher müssten harte Urteile gefällt werden.
Aber es gehe um mehr, ergänzt er. So ein Fall wie der seines Sohnes und dessen Familie dürfe sich nie wiederholen: “Wir wollen nicht, dass andere Familie erleiden, was wir heute mitmachen. Das ist unser Kampf. Und wir wollen Gerechtigkeit.”


